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Warum Talent alleine nicht reicht

  • Autorenbild: David
    David
  • 3. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Hallo lieber Lederfreund/in!

Heute möchte ich über das Thema "Talent" mal sprechen.

Einen Satz, den ich immer mal wieder hören, lautet "Das ist schön, du hast richtig Talent für Lederhandwerk!" Ich nehme das gut gemeinte Kompliment dahinter gerne an, denn Wertschätzung ist immer willkommen :D


Gleichzeitig runzel ich dennoch innerlich immer etwas mit der Stirn. Und werfe gedanklich einen Blick auf die "Tonne der Schuld". Das ist der Behälter, in dem unrettbar behandelte Stücke Leder ihr Zuhause haben.


Rechts: Farbe vorher nicht umgerührt
Rechts: Farbe vorher nicht umgerührt

Viele Davon Färbeunfälle, weil man mit anderen Farbresten kontaminierte Handschuhe getragen hat beim Färben, weil man in einem unachtsamen Moment gekleckert hat, weil man niesen musste. Ja, so Comic-hafte Unfälle passieren. Aber auch Teile, bei denen ich die Punzierstempel nicht sauber gesetzt habe oder ich die falsche Referenz für meine Reihung verwendet habe. Auch solche Teile sind in der Regel unrettbar.


Klebefehler, der zu Färbefehlern geführt hat
Klebefehler, der zu Färbefehlern geführt hat

Ein Klassiker sind auch Fehler beim Schneiden: Zu kurz, zu schräg, und mein Favorit, nicht senkrecht genug. Und wer je einen Riemen perfekt gerade und parallel zuschneiden wollte, weiß, wie achtsam man das machen muss. Und ist alle gerade geworden, stellt man fest, dass der Riemenschneider über die komplette Länge einen Abdruck hinterlassen hat, weil man ihn verkantet hat.


Man könnte sagen, das Leder-Leben ist eben erbarmungslos. Vielmehr ist es aber ein laaaaaanger Weg, zu lernen, wie man Lederprodukte mit einem sauberen Look herstellt. Auch wenn einige der o.g. Probleme weitestgehend der Vergangenheit angehören, waren es teilweise extrem harte learnings.


Ich arbeite mich gerne in den Flow. Um dabei keine schwerwiegenden Fehler zu machen, war für mich das wichtigste learning mir zu merken, wann ich vor-mich-hin-arbeiten kann und wann ich extrem bedacht bei meinen Handgriffen sein muss. Schneide ich Konturen nur grob zu, reicht ein relativ gerade Schnitt. Gerade beim Kurvenschneiden muss man aber ständig die Neigung der Klinge im Auge behalten.



Deckel immer fest schließen
Deckel immer fest schließen

Apropos Auge: Vorsicht bei Cuttermesser, wenn ihr damit dickeres Leder schneidet. Sorge dafür, dass die Klinge richtig scharf ist und achte darauf, dass du keine Querkräfte auf die Klinge bringst. Diese können die Klinge nämlich so unter Spannung setzen, dass sie nicht nur bricht sondern dir durch das Zurückfedern ins Gesicht springt. Ja, ist schon passiert. Mein Schutzengel hatte aber beide Hände dazwischengelegt.


Lederhandwerk erfordert also, wie das Erlernen von so ziemlich allem, viel Übung. Was etwas darüber hinwegtäuscht ist der Fakt, dass man im Lederhandwerk recht schnell brauchbare Ergebnisse erzielt.


So habe ich auch begonnen: Mit Probieren und YouTube Videos. Unzählbaren Stunden Videos. Es war ein sehr lange Prozess, bis ich zum ersten mal richtig zufrieden war mit meiner Arbeit. Ich würde deshalb auch jedem mittlerweile raten, sich einen Leder-Lehrer zu suchen, der dem eigenen Lern-Niveau gerecht wird. Das kostet etwas Geld, spart aber später nicht nur Zeit sondern auch schätzungsweise auch 900€ in unnötig gekauften Werkzeugen und unrettbar verschandeltem Leder. Vielleicht muss man dann auch nicht mal eine "Tonne der Schuld" besorgen. :D


Bei Modifikation Stück von Verschluss abgerissen
Bei Modifikation Stück von Verschluss abgerissen


Natürlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass dieser Prozess nicht aufhört, wenn man ambitioniert ist. Gerade weil das Lederhandwerk so unglaublich viele Facetten bietet und sich in viele Unterkategorien einordnen lässt. Ein Mentor kann hier durch seine Erfahrung ein Wegweiser sein.


Das sagt Wikipedia zu "Talent":

Mit Begabung oder Talent wird ein Aspekt bezeichnet, der zu besonderer Leistungsfähigkeit einer Person auf einem bestimmten Gebiet beiträgt. In Abgrenzung zu erlerntem Wissen und durch Übung erlangten Fertigkeiten ist Begabung eine besondere Anlage einer Person, auf einem Gebiet vergleichsweise schnell Fortschritte zu machen sowie ein überdurchschnittliches Leistungsniveau erreichen zu können.


Wieviel Inhalt steckt also in der Aussage, jemand habe Talent?

In der heutigen ist der Faktor Zeit in Bezug auf das Erlernte häufig nur schwer zu beurteilen. Also kann nicht zweifelsfrei von "schnellem Fortschritt" gesprochen werden.


Mehrfache Abweichung der einzeln gesetzten Punzierabdrücke
Mehrfache Abweichung der einzeln gesetzten Punzierabdrücke

Es bleibt noch das überdurchschnittliche Leistungsniveau. Das ist ebenfalls Ansichtssache und maßgeblich vom Kenntnisstand des Beurteilenden abhängig. Mir ist bewusst, dass die Werke auf dieser Webseite gelungen und teilweise auch wirklich wunderbar anzusehen sind. Natürlich habe ich selber eine andere Sichtweise, die nicht nur aus der Richtung des "Imposter-Syndroms" kommt (dazu in Zukunft ein eigener Artikel), sondern sich auf meine Marktkenntnis bezieht. Ich habe schon Leder-Rüstungen gesehen, die mit meinem aktuellen Kenntnisstand NOCH nicht umsetzbar sind.


Und das ist ok so. Und gut so. Denn so habe ich stets Dinge zu Lernen, zum Weiterkommen, zum "sich-erneut-Freuen".

Was macht dann Talent im Kern tatsächlich aus?

Für meinen Teil ist es Entschlossenheit. Durchhaltevermögen. Die Überzeugung, Etwas großartiges schaffen zu können.


Das hat zum Ausbau meiner Frustrationstoleranz geführt. Und mich Geduld gelehrt.



Überträgt man dies jetzt auf dich als Leser, könnte das Folgendes bedeuten:

Wenn du ein Interesse für irgendeine Thema hast und du etwas erschaffen willst, spielt es keine Rolle, wie lange du benötigst. Es spielt auch keine Rolle, ob du besonders geschickt bist, oder eben "nur normal". Entscheidend ist deine Entschlossenheit, dein Wille. Die Fähigkeit, ein kleines Stück weit in die Zukunft zu sehen und das Ergebnis teilweise sehen zu können.


Und auf dem Weg stellst du dann vielleicht fest, dass es nie um das Ergebnis ging, sondern darum, den Weg zu gehen. Man sagt, dass wir durch Fehler besser lernen, als durch Dinge, die gelingen. "Happy Mistakes" (Zitat Bob Ross) sind das, worum es geht. Und die daraus Folgenden Herausforderungen zu überwinden.


Meine allererste Tasche, aus Lederresten improvisiert (2016)
Meine allererste Tasche, aus Lederresten improvisiert (2016)

Und so wird mit der Zeit aus dieser Neugier, dem vorhandenen Geschick und der Entschlossenheit etwas ganz Neues: Ein Weg, den du immer gehen kannst. Denn wenn das Ziel auch keine Rolle spielt, geht es nur noch um Erfahrung.


Viel Freude auf deinem Weg!


Danke für deine Aufmerksamkeit. Hoffe, es hat dir Spaß gemacht. Vielleicht hast du eine Anmerkung, dann schreib sie doch gerne in den Kommentar.


Lass uns auch gerne wissen, zu welchen Themen du dir Artikel wünscht.


Herzliche Grüße

David



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